Ruhe in Frieden

Die schwer registrierbaren Kriegsgräber in Dänemark und ihre Geschichte

von Søren Peder Sørensen
Übersetzung aus dem Dänishen: Christine Loch

József Töröcsiks Grabstein auf dem Friedhof Gravlund in Fovrfeld bei Esbjerg ist gut erhalten und einer der ganz wenigen Grabmäler, die sich nach dem Aufenthalt der Ungarn in Dänemark identifizieren lassen.

In einem Verzeichnis über Kriegsmonumente 1940-1945 wundert sich der Historiker Anders Bjørnvad darüber, dass es nur so wenige bekannte ungarische Kriegsgräber gibt, obwohl man doch weiß, dass sich in den letzten Kriegsmonaten mehrere Tausend ungarische Soldaten in Dänemark aufgehalten hatten. In seinem Buch wird nur eine Grabstätte erwähnt, die sich auf dem Friedhof von Gram im Süden Jütlands befindet. Der Tote war ein 19-jähriger ungarischer Soldat namens Ranoly Lepsenyi (Károly Lepsény?), der am 29. Mai 1945, drei Wochen nach der Befreiung, in einem Ziegeleisee ertrunken war. In diesem einen Fall ist die nationale Zugehörigkeit des Toten erkennbar, doch ist dies nur dem Unstand zu verdanken, dass Mitglieder des Zivilschutzes und andere Bewohner der Gegend 12 Jahre später einen Gedenkstein zu Ehren des ungarischen Aufstandes von 1956 auf dieser Grabstätte errichteten.

Die ungarischen Gräber sind unbekannt, weil die Toten unter die Rubrik der deutschen Wehrmacht fielen. Dies galt auch noch in der Vereinbarung, die Dänemark 1962 mit der westdeutschen Regierung bezüglich deutscher Krieggräber in Dänemark traf. Laut Artikel 1 sind unter deutschen Kriegsgräbern ‚Mitglieder der deutschen Wehrmacht oder gleichgestellte Personen sowie andere Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft, die in Verbindung mit den Kriegsereignissen während des Zweiten Weltkriegs starben’ zu verstehen.

In diesem Zusammenhang interessant ist die Feststellung, dass gerade in Westdeutschland die Kriegsgräber mit Angaben zur Nationalität registriert wurden. Dies ist beispielsweise auf dem Friedhof Wesselburen in Schleswig-Holstein erkennbar, wo drei ungarische Soldaten aus Dänemark begraben wurden. „Ungarische Soldaten“ steht hier auf dem gemeinsamen Grabstein, der auf den Gräbern des einfachen Soldaten József Mussung, Bataillon 91/II, 7. Kompanie, des Leventen József Csörnei und des einfachen Soldaten Ferenc Ördög errichtet wurde, die alle im Sommer 1945 gestorben waren. (3) Auch in Claustahl-Zellerfeld bei Göttingen wurde 1946 ein Gedenkstein für 24 verstorbene ungarische Soldaten/Kriegsgefangene mit Angaben zu ihrer Nationalität aufgestellt.

In Dänemark ist eine Identifikation ungarischer Gräber so gut wie hoffnungslos – man müsste sie unter den 14.900 Flüchtlingen und 10.250 Soldaten ausfindig machen, die auf insgesamt 34 Friedhöfen in Dänemark bestattet wurden. Die größten Kriegsgräberstätten befinden sich in Frederikshavn und Esbjerg sowie auf den Friedhöfen Vestre Kirkegård und Bispebjerg Kirkegård in Kopenhagen.

Auf dem Vestre Kirkegård wurden 5.344 Flüchtlinge und 4.643 Soldaten begraben.

Name, Geburts- und Todesdatum, manchmal auch militärischer Titel, sind angegeben, doch weder auf dem Grabstein noch in der Registratur des Friedhofs ist die Nationalität vermerkt. Vielleicht befinden sie sich unter der Rubrik „Unbekannter deutscher Soldat“. Bisweilen erkennt man ungarische Namen, doch ist dies kein eindeutiger Beweis.

Gleiches gilt für den Friedhof Bispebjerg, wo 964 Personen – 594 Flüchtlinge und 370 Soldaten – liegen. Auch hier ist die Nationalität nicht angegeben. Andernfalls wären wir heute vielleicht etwas klüger und wüssten, wie viele Ungarn beim Aufstand bei Schloss Rosenborg am 22. April 1945 ihr Leben verloren. Wir wissen heute nur, dass die Verluste auf ungarischer und deutscher Seite hoch waren.

Etwas mehr wissen wir über die gefallenen ungarischen Soldaten im westlichen Dänemark, da János Pohly die Todesfälle und Beisetzungen, von denen er hörte, sorgfältig notierte. Er nennt zehn ums Leben gekommene Soldaten und Angehörige mit detaillierten Angaben über Todes- und Bestattungsdatum sowie Ort. Auf dieser Grundlage können wir heute einige dieser Gräber identifizieren, aber nicht alle!

Zu den identifizierbaren gehört neben dem Grab von József Töröcsik in Fovrfeld das Grab eines 15-jährigen Jungen, der am 11. April 1945 beigesetzt wurde: Mihály Slezák, geboren am 29. November 1929, hielt sich im Lager der Kindersoldaten am Flugplatz Rom südlich von Lemvig auf, als er vermutlich auf eine Mine trat. Sein kreuzförmiger Grabstein aus Naturstein steht auf dem Friedhof Lemvig unter der Registratur: protokol Vest nr. 783 A .

Die fünf Personen, die beim Sabotageakt auf den ungarischen Militärtransport bei Herning im Februar 1945 ihr Leben lassen mussten, wurden Berichten zufolge auf dem Friedhof Herning beigesetzt. Der Standort lässt sich mit Hilfe von Fotos der Beerdigung am 21. Februar 1945 dokumentieren. Laut Friedhofsamt in Herning wurden die getöteten Ungarn nach Ende der Ruhefrist 1966 in den deutschen Gedenkhain „Deutsche Kriegsgräberstätte“ in Gedhus bei Karup umgebettet. Die Umbettung wurde von deutschen Studenten durchgeführt, welche die irdischen Überreste in weiße Plastiksäcke legten. Die Registrierung erfolgte nicht über die dänische Friedhofsverwaltung.

Ein Besuch im Gedenkhain, der sich in Gedhus an der Hauptstraße zwischen Herning und Viborg befindet, bestätigt die Informationen. Am Ende des großen Gedenkhaines, auf dem 1.185 Flüchtlinge und 148 Soldaten – Opfer des 2. Weltkriegs – liegen, stehen die Grabsteine der Ungarn, in Block Nr. 3, mit den Nummern 130, 131, 132, 133 und 134. Auf den schönen kreuzförmigen Natursteinen sind Name, Geburts- und Todesdatum verzeichnet, aber wie bereits erwähnt, keine Nationalität.

Bataillonschef Károly Palló, geb. 16.9.1915, gest. 19.2.1945.
Leutnant János Szomolnoki, geb. 2.9.1915, gest. 19.2.1945.
Einfacher Soldat Dezső Saágy, geb. 27.7.1925, gest. 19.2.1945.
Unteroffizier István Győrfi, geb. 24.12.1918, gest. 19.2.1945.
Stefan Győrfi, geb. 13.10.1943, gest. 19.2.1945. (6)

Das Logbuch umfasst Angaben über drei weitere Tote, doch ihre Grabsteine konnten nicht identifiziert werden.

Der Soldat József Mellik, 2. Batterie des 10. Regiments, wurde am 3. April 1945 beigesetzt, nachdem man seine Leiche mit einem Lastwagen von Agerskov in Südjütland nach Struer gebracht hatte. Ein Anruf beim Friedhof in Struer erbrachte keine Bestätigung, dass es einen Grabstein mit dem Namenszug József Mellik gab.

Eine Woche später, am 10. April 1945, wurde ein einfacher ungarischer Soldat namens Pál Stocsok vom Bataillon 91/I in Esbjerg begraben. Todesursache unbekannt. Bei einem Besuch auf dem Friedhof Gravlund in Fovrfeld bei Esbjerg war Pál Stocsoks Grabstein nicht zu finden, und auch ein Anruf bei der Friedhofsregistratur führte zu keinem Ergebnis. Er war nirgendwo aufgeführt.

11 Tage später, am 21. April 1945, wurde ein Korporal namens József Balázsi, 6. Kompanie des Bataillons 90/II, auf dem Friedhof in Lønne beigesetzt. Er starb, nachdem er an der Nordsee auf eine Mine getreten war, doch die Suche nach seinem Grabstein auf dem Friedhof war vergeblich. Der heute pensionierte Totengräber Henry Christensen untersuchte den Fall. Sein Amtsvorgänger konnte sich an die Beerdigung von József Balázsi erinnern, und er wusste auch, dass das Grab nach Ende der Ruhefrist, etwa zehn Jahre nach dem Krieg, eingeebnet worden war.

Auf die Frage, warum das Grab und das ursprüngliche Kreuz eines deutschen Soldaten erhalten blieben waren, lautete die Antwort, dass dies aus Rücksicht auf die Angehörigen geschehen war, die noch viele Jahre nach dem Krieg die Grabstätte regelmäßig besuchten. Dies war im Übrigen eine tragische Geschichte, denn der betreffende Soldat hatte sich ausgerechnet in den Tagen der deutschen Kapitulation selbst erschossen.

Angesprochen auf die fehlenden Informationen über ungarische Grabstätten sagt der Geschäftsführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kiel, Wolfram Schmidt, der für die Pflege der deutschen Kriegsgräber in Dänemark zuständig ist, dass laut der Vereinbarung von 1962 über die Erhaltung von Kriegsgräbern deutsche Kriegsgräber dauerhaft geschützt sind. Dies ist ein Teil des Genfer Abkommens. Da die Ungarn von den Bestimmungen für die deutschen Kriegsgräber ebenfalls betroffen sind, gilt dies auch für ihre Gräber. Das Problem sei jedoch, fügt Wolfram Schmidt hinzu, dass man vielleicht nicht weiß, dass ein Kriegsgrab, dass sich alleine auf einem dänischen Friedhof befindet, geschützt ist.

Nur in einem dieser elf Fälle lässt sich die ungarische Staatsangehörigkeit der Soldaten feststellen, nämlich auf dem Friedhof Gram in Südjütland, wo Dänen 1957 einen Gedenkstein errichteten. In den übrigen Fällen lassen sich auf der Grundlage der Angaben aus Pohlys Logbuch sieben Gräber in Fovrfeld, bzw. Lemvig und Gedhus identifizieren. Was die letzten drei betrifft, so liegen uns nur die Informationen aus dem Logbuch vor. Ihre Gräber sind nicht zu finden.

Insgesamt repräsentieren sie nur einen äußerst geringen Teil der ungarischen Verluste als „Mitglieder der deutschen Wehrmacht oder gleichgestellter Personen“ während ihres Aufenthalts in Dänemark. Es gab noch viele andere, von denen wir nicht wissen, wo sie liegen, und wir werden es wohl auch nie erfahren.

Vielleicht taucht eines Tages ein Bild einer seit langem verschwundenen Grabstätte auf, so wie im Falle des Korporals József Balázsi auf dem Friedhof von Lønne geschehen, jener Balázsi, dessen Grab nach der Ruhefrist eingeebnet worden war. Eine Fotografie seines Grabs, offenbar kurz nach der Beerdigung im April 1945 aufgenommen, wurde viele Jahre später unter den Hinterlassenschaften aus einem deutschen Bunker in Blåbjerg gefunden. Auf dem Bild erkennt man das mit Steinchen bedeckte Grab, die ein Mosaik des ungarischen Wappens bilden, sowie ein Holzkreuz mit József Balázsis Namen und dem Wunsch „Ruhe in Frieden“ – Béke Poraira.

Wenigstens dieser Wunsch ging für József Balázsi und all die anderen Unbekannten, die ihr Leben im 2. Weltkrieg in Dänemark verloren, in Erfüllung.

Von “Die ungarischen Soldaten. Eine vergessene Tragödie aus der deutschen Besatzungszeit Dänemarks während des 2. Weilkriegs”. Museet for Varde by og Omegn.

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